19. November 2018 – 08:00
"Unsere Position steht unter Druck"
linnhoff
Marija Linnhoff – Foto: VUSR

Zwar wuchs der Online-Vertrieb im abgelaufenen Geschäftsjahr erneut stärker als der stationäre Verkauf. Aber auch die oft totgesagten Reisebüros konnten zulegen und ihre Zahl bleibt derzeit offenbar konstant. Die Vorsitzende des Reisebüroverbandes VUSR mit knapp 400 Mitgliedern, Marija Linnhoff, schlägt dennoch Alarm.

Das Gespräch führte Christian Schmicke

Nach allen bisher vorliegenden Marktforschungsdaten ist 2018 für die Reisebüros trotz aller Erschwernisse ein ziemlich erfolgreiches Jahr. Ist die VUSR-Vorsitzende mit dem Stand der Dinge endlich mal zufrieden?
Linnhoff:
Klar, viele Reisebüros haben trotz enormer Hindernisse durch Datenschutzgrundordnung, Pauschalreiserichtlinie, Flugchaos und die Provisionspolitik einiger Veranstalter tolle Arbeit geleistet  und ihre Umsätze steigern können. Aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir vor massiven Umwälzungen stehen, für die die Reisebüros noch nicht gerüstet sind, und dass die Mehrarbeit, die den Reisemittlern aufgezwungen wurde, immer noch nicht vergütet wird.

Welche Umwälzungen meinen Sie?
Unsere Position als Handelsvertreter, die es im europäischen Umfeld nur in Deutschland und so ähnlich in Österreich gibt, steht massiv unter Druck, zumindest mittelfristig. In diese Richtung haben sich ja auch einige Vertreter von Veranstaltern in letzter Zeit geäußert. Das rüttelt an den Grundfesten unseres Geschäftsmodells.

Was ist zu tun?
Zum einen gilt es, den Handelsvertreterstatus solange wie möglich zu verteidigen und sowohl mit Veranstaltern als auch Kooperationen im Gespräch zu bleiben, um wenigstens in diesem Punkt an einem Strang zu ziehen. Außerdem müssen die Reisebüros sich dafür rüsten, neue Wege in Sachen Vermittlung zu beschreiten. Denn meiner Ansicht nach werden die Veranstalter irgendwann die Provisionen streichen, so wie es zuvor die Airlines getan haben.

Falls es so käme – wie könnten sich Reisebüros darauf vorbereiten?
Wir sehen ja gerade erste Ansätze, wie etwa den Einbau des Versicherungspakets Q+ in die Reservierungssysteme durch die QTA? Die Grundidee, dass auch die letzten Reisebürokollegen jetzt lernen, Serviceentgelte bei den Kunden zu kassieren, ist völlig legitim und nicht neu, ein guter Ansatz, aber ganz und gar nicht ausgereift. Es darf doch nicht so weit gehen, dass ich zum Beispiel einem Stammkunden erst eine Versicherung verkaufen muss, die er vielleicht gar nicht benötigt, um ihm dann ein eventuell sogar berechtigtes Serviceentgelt in Rechnung zu stellen. Serviceentgelte sollten und müssen für den Kunden erkennbar sein als der Verdienst für die getane Arbeit, wie etwa Sitzplatzreservierungen.

Sind Servicegebühren der Königsweg?
Nein, nur ein notwendiges Mittel. Meines Erachtens müsste der Vertrieb viel unabhängiger von der Großindustrie agieren. Viele Reisemittler, die ihr Handwerk beherrschen, tun dies ja auch bereits. Wenn sich zum Beispiel mehrere Büros zusammentun, könnte man zum Beispiel selbst als Veranstalter agieren und den Flug bei irgendeinem Anbieter „A“ und das Hotel bei einem Veranstalter „B“ oder auch bei einer Bettenbank dazu kaufen.

Sind die Ketten und Kooperationen darauf eingestellt?
Bei den Ketten beobachten wir durchaus Ansätze. Die Kooperationen wären unter grundlegend veränderten Bedingungen vermutlich eher als Auslaufmodell zu sehen, wenn sie sich nicht langsam aber sicher auf die neuen Herausforderungen einstellen.

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