12. Oktober 2018 – 13:22
DRV-Jahrestagung ­– zwischen Erfolg, globalen Herausforderungen und den Niederungen des Alltags
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Norbert Fiebig – Foto: Reise vor9

Bei seiner Jahrestagung im italienischen Reggio di Calabria blickt der Verband auf ein touristisches Erfolgsjahr zurück, in dem die Branche gleichwohl von hausgemachten, aber auch von bürokratischen, juristischen und steuerlichen Problemen eingeholt wurde. Das Motto "Think Global" setzt auf Aufbruchstimmung und propagiert angesichts nationalistischer Herausforderungen den Blick über den Tellerrand. Beim Thema "Overtourism" fällt man allerdings in alte Denkmuster zurück.

Eigentlich hätte der Deutsche Reiseverband (DRV), allen Grund, die Branche und damit auch sich selbst bei der Jahrestagung im italienischen Reggio di Calabria kräftig zu feiern. Schließlich bescheinigt der Verband dem organisierten Reisemarkt kurz vor Saisonende ein Wachstum um fast zwei Milliarden Euro gegenüber dem vorhergehenden Touristikjahr. Auf der Basis von Zahlen des Marktforschungsinstituts GfK geht DRV-Präsident Norbert Fiebig von einer Steigerung der Buchungsumsätze in den Reisebros um sieben und bei den Online-Portalen im zweistelligen Bereich aus. Auch die Zahl der Reisenden sei gestiegen, und zwar um knapp vier Prozent.

"Boomende Banche, die nicht ausreichend verdient"

Allerdings, so Fiebig, spiegele sich der Nachfrageschub "nicht durchgängig in den Ergebnissen des Vertriebs und der Veranstalter wider". Dazu tragen einerseits hausgemachte Probleme großer Anbieter bei. So hätten auch in diesem Jahr nach Auswertungen des DRV-Ausschusses Marktforschung Spezialveranstalter und Nischenanbieter ein stärkeres prozentuales Wachstum zu verzeichnen als die klassischen Veranstalter. Als Hauptproblem bezeichnet der DRV-Chef jedoch nach wie vor "Belastungen, die der Branche von Politik aus Berlin und Brüssel aufgebürdet" würden und in Gestalt der neuen Pauschalreisegesetzgebung, der gewerbesteuerlichen Hinzurechnung von Übernachtungsleistungen oder der Erleichterung von Sammelklagen „die Ertragslage der Unternehmen strapazieren“. "Eine boomende Branche, die nicht ausreichend verdient – das kann nicht sein. Es muss endlich Schluss sein mit zusätzlichen steuerlichen und regulativen Belastungen"schlägt Fiebig Alarm.

"Think Global"

Um nicht zu sehr in den Niederungen bürokratischer oder steuerlicher Hemmnisse zu verharren, hat sich der Verband für seine diesjährige Tagung das Motto „Think Global“ verordnet. Damit soll zugleich Aufbruchsstimmung signalisiert und der Herausforderung wachsender nationalistischer Strömungen innerhalb der EU, im Noch-Mitgliedsland Großbritannien und in den von einer nationalistisch-isolationistisch orientierten Politik des Präsidenten geprägten Vereinigten Staaten begegnet werden. Deshalb engagierte der DRV etwa mit Martin Schulz den ehemaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments einen Redner, der engagiert für internationale Kooperation plädierte. Zudem präsentierte der Vaerband mit Bundesentwicklungsminister Gerd Müller einen weiteren Verfechter intensiver grenzüberschreitender Zusammenarbeit und fairer Wirtschaftsbeziehungen. Und auch Fiebig selbst positionierte sich in dieser Hinsicht deutlich und ermahnte dazu, den "Blick am eigenen Tellerrand enden zu lassen".

Freilich beinhaltet der globale Blickwinkel neben den gerne beschworenen wirtschaftliche Chancen des Tourismus für die bereisten Länder – weltweit zeichnet er nach Berechnungen des World Travel and Tourism Councils für jeden zehnten Arbeitsplatz verantwortlich – auch das Phänomen wachenden Überdrusses an den touristischen Heerscharen. In der "Overtourism"-Debatte allerdings bezog der Verband eher unter Wiederverwertung seiner gewohnten Denkmuster Position.

"Herausforderung unorganisierter Tourismus"

Man nehme das Phänomen ernst, sagte Fiebig, allerdings gehe dieses "überwiegend nicht von der organisierten Reise aus". Vielmehr stelle insbesondere "der unorganisierte Tourismus eine große Herausforderung dar und mit ihm die zunehmende Bedeutung der Sharing Economy, der die Bindung zu den Zielgebieten fehlt", so Fiebig. Über Jahrzehnte war sei Wachstum des Tourismus durch geplante Hotelkapazitäten geprägt und damit gezielt von den Destinationen gesteuert worden. Heute buchten immer mehr Individualtouristen Wohnungen in traditionellen Wohngebieten über entsprechende Plattformen. In der Folge stiegen die Mieten und es setze eine Verdrängung der Wohnbevölkerung insbesondere in Ballungszentren und Metropolen ein. "Hier müssen die jeweiligen Kommunen gegensteuern, sonst geht das Wohlwollen der Bevölkerung gegenüber jedwedem Tourismus verloren", fordert der DRV-Präsident frei nach dem Motto: Fangt erstmal woanders an.

Immerhin – auch die eigene Branche soll zur Lösung von Problemen beitragen. Das formuliert Fiebig allerdings nicht in Form einer Forderung, sondern als vollendete Tatsache. "Als langfristiger Partner der Zielgebiete ist die Reisewirtschaft Teil der Lösung und sorgt gemeinsam mit den Zielgebieten für Entzerrung: durch kluge Steuerung der Tourismusströme, Ausweitung von Saisonzeiten, Verlagerung von Kreuzfahrtrouten, die Schaffung neuer, nachhaltiger Reiseangebote und -formen sowie intelligente Marketingkonzepte" erklärte er. Dass in dieser Hinsicht nicht nur im Kreuzfahrtsektor noch einiges im Argen liegt, blieb dabei unerwähnt.

Christian Schmicke

 

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